Abfindungshöhe bei Zeitdruck
Abfindung und Zeitdruck: Warum Eile teuer werden kann
Wer eine Kündigung erhält oder einen Aufhebungsvertrag verhandelt, hat meist ein klares Ziel: eine möglichst hohe Abfindung. Nur wird dabei ein entscheidender Faktor oft unterschätzt – der Zeitdruck. Nach Einschätzung von Fachanwalt für Arbeitsrecht Alexander Bredereck gehört Zeitdruck zu den größten Risiken für eine erfolgreiche Abfindungsverhandlung.
Warum Eile die Verhandlungsposition schwächt
Abfindungsverhandlungen lassen sich gut mit einem Pokerspiel vergleichen. Wer das bessere Blatt hat, gewinnt – vorausgesetzt, er kann es ausspielen. Muss sich eine Vertragspartei aber beeilen, verliert sie genau diesen Vorteil. Wer schnell zu einem Ergebnis kommen muss, ist eher bereit, Zugeständnisse zu machen.
In der Praxis bedeutet das: Erkennt der Arbeitgeber, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schnell ein Ergebnis sehen wollen oder müssen, wird er regelmäßig versuchen, diesen Umstand zu seinem Vorteil zu nutzen. Die Folge sind niedrigere Angebote und eine deutlich schlechtere Verhandlungsposition.
Der häufigste Auslöser: ein neuer Job
Der wohl häufigste Grund für Zeitdruck ist ein neuer Arbeitsplatz. Wer bereits eine neue Stelle in Aussicht hat oder sogar schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, steht unter Zugzwang. Arbeitgeber erkennen das schnell und fragen sich dann: Warum sollte ich eine hohe Abfindung zahlen, wenn der Arbeitnehmer ohnehin gehen will?
Damit verschiebt sich die Ausgangslage der Verhandlungen. Während zuvor der Arbeitgeber ein Interesse daran hatte, das Arbeitsverhältnis zu beenden, will nun der Arbeitnehmer möglichst schnell zum Ergebnis kommen. Diese Rollenveränderung führt regelmäßig dazu, dass die Abfindung erheblich geringer ausfällt – oder schlimmstenfalls ganz entfällt.
Strategischer Fehler: zu schnelle Neuorientierung
Viele Betroffene handeln vorschnell und suchen unmittelbar nach der Kündigung eine neue Stelle. Aus menschlicher Sicht ist das nachvollziehbar: Arbeit gibt Sicherheit, und eine drohende Arbeitslosigkeit kann einen stark unter Druck setzen.
Aus strategischer Sicht ist dieses Verhalten jedoch häufig nachteilig. Wer bereits über Jahre im Unternehmen tätig war, sollte sich zunächst Zeit nehmen – sowohl für die eigene gesundheitliche Situation als auch für persönliche und familiäre Fragen. Eine überstürzte Jobsuche kann die eigene Verhandlungsposition erheblich schwächen.
Ungeduld als unterschätzter Risikofaktor
Neben einem neuen Job führt auch allgemeine Ungeduld unnötigerweise zu Zeitdruck. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer möchten möglichst schnell Klarheit und drängen auf eine zügige Einigung.
Diese Ungeduld wirkt sich nicht nur auf die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber aus, sondern auch auf die Zusammenarbeit mit dem eigenen Anwalt. Wer ständig nachfragt und schnelle Ergebnisse verlangt, signalisiert indirekt, dass er unter Druck steht. Das kann dazu führen, dass selbst ein grundsätzlich günstiges Verhandlungspotenzial nicht ausgeschöpft wird.
Auswirkungen auf die anwaltliche Strategie
Auch auf anwaltlicher Seite hat Zeitdruck konkrete Folgen. Ein erfahrener Verhandlungsführer wird grundsätzlich versuchen, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Besteht jedoch erkennbarer Druck auf Mandantenseite, kann sich die Strategie verändern.
Statt auf eine weitere Steigerung der Abfindung zu setzen, wird unter Umständen ein bereits vorliegendes Angebot eher akzeptiert, um eine schnelle Lösung zu erreichen. Dies geschieht nicht aus Nachlässigkeit, sondern als Reaktion auf die Rahmenbedingungen. Das Ergebnis fällt dann regelmäßig schlechter aus, als es ohne Zeitdruck möglich gewesen wäre.
Kommunikation ist entscheidend
Ein häufiger Fehler besteht darin, Zeitdruck nicht rechtzeitig mitzuteilen. Wer etwa einen neuen Arbeitsvertrag unterschreibt und den eigenen Anwalt erst kurz vor Arbeitsantritt informiert, nimmt sich selbst wichtige Handlungsspielräume.
Deshalb gilt: Entsteht Zeitdruck – etwa durch einen neuen Job –, sollte dies sofort offen angesprochen werden. Nur so kann die Verhandlungsstrategie angepasst und das bestmögliche Ergebnis unter den gegebenen Umständen erzielt werden.
Fazit: Geduld zahlt sich aus
Zeitdruck wirkt sich in Abfindungsverhandlungen nahezu ausschließlich negativ aus. Wer unter Druck steht, verliert Verhandlungsmacht – und damit häufig erhebliche Geldbeträge.
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten deshalb bewusst handeln: zunächst Ruhe bewahren, keine vorschnellen Entscheidungen treffen und strategisch vorgehen. Geduld ist in diesem Zusammenhang kein Nachteil, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor für eine optimale Abfindung.