Youtube

Warum bekommen Frauen weniger Abfindung? (mit Psychologe Tim Viere)

18.05.2026
4min

Warum manche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterschiedlich mit Kündigungen umgehen – und warum sich Kämpfen oft lohnt

Wer sich mit Kündigungen und Abfindungsverhandlungen beschäftigt, stellt schnell fest: Nicht alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer reagieren gleich. Besonders auffällig ist, dass viele Beschäftigte – unabhängig vom Geschlecht, aber statistisch unterschiedlich verteilt – sehr unterschiedlich mit Konflikten am Arbeitsplatz umgehen. Während einige konsequent um ihre Rechte kämpfen – das sind nach der über 30-jährigen anwaltlichen Erfahrung von Fachanwalt Bredereck vorwiegend Männer –, ziehen sich andere – eher betrifft dies seiner Praxiserfahrung nach Frauen – frühzeitig zurück und suchen einen konfliktärmeren „sauberen Abschluss“. Doch woran liegt das – und welche Strategie ist die richtige? Darüber spricht Fachanwalt Bredereck mit dem Psychologen Tim Viere.

Kündigung als Einschnitt – nicht nur rechtlich, sondern emotional

Zunächst muss man sich klarmachen: Eine Kündigung ist nicht nur ein rechtlicher Vorgang, sondern fast immer auch eine persönliche Kränkung. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer investieren über Jahre hinweg Zeit, Energie und Engagement in ihr Arbeitsverhältnis. Wenn dieses dann einseitig beendet wird, entsteht häufig das Gefühl, dass diese Leistung nicht oder nicht ausreichend gewürdigt wurde.

Genau hier setzt das Kündigungsschutzrecht an. Es trägt dem Umstand Rechnung, dass ein Arbeitsverhältnis mehr ist als ein einfacher Austausch „Arbeit gegen Geld“. Wer länger im Unternehmen tätig ist und unter das Kündigungsschutzgesetz fällt, verfügt über einen echten wirtschaftlichen Wert – seinen Kündigungsschutz. Und dieser Wert kann in Verhandlungen eine entscheidende Rolle spielen.

Unterschiedliche Strategien im Umgang mit Konflikten

In der Praxis zeigt sich, dass Menschen sehr unterschiedlich auf diese Situation reagieren. Einige – in der anwaltlichen Praxis mehrheitlich Männer – gehen in die Offensive, hinterfragen die Kündigung und versuchen aktiv, eine möglichst hohe Abfindung zu erzielen. Andere hingegen streben eher eine konfliktarme Lösung an und verzichten darauf, ihre Ansprüche voll auszuschöpfen.

Ein möglicher Erklärungsansatz liegt in unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen: Manche Menschen haben ein stärkeres Bedürfnis nach Durchsetzung und sind bereit, Konflikte auszutragen. Andere legen mehr Wert auf Harmonie und möchten das Arbeitsverhältnis „ordentlich“ beenden – auch wenn dies finanzielle Nachteile mit sich bringen kann.

Dabei handelt es sich jedoch nicht um starre Kategorien. Faktoren wie Alter, berufliche Sozialisation, persönliche Erfahrungen und die eigene Lebenssituation spielen eine ebenso große Rolle wie individuelle Einstellungen zum Thema Konflikt.

Der „Kampf“ als Weg zur Verarbeitung

Ein wichtiger Aspekt wird von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern häufig unterschätzt: Der aktive Umgang mit einer Kündigung wirkt auch psychologisch entlastend. Viele Betroffene berichten noch Jahre später davon, dass sie es bereuen, sich nicht oder nicht genug gewehrt zu haben. Das belastende Gefühl, „einfach gegangen zu sein“, bleibt oft bestehen.

Demgegenüber kann ein ausgetragener Konflikt – vor allem im Rahmen einer Kündigungsschutzklage – dazu beitragen, einen klaren Abschluss zu finden. Selbst wenn das Verfahren nicht zum maximalen wirtschaftlichen Ergebnis führt, hat man zumindest „alles versucht“. Das erleichtert es, mit der Situation abzuschließen und neu zu starten.

Abfindung als wirtschaftlicher Ausgleich

Neben der emotionalen Komponente hat der Kündigungsschutz aber vor allem auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Wer unter das Kündigungsschutzgesetz fällt, hat eine starke Verhandlungsposition. Diese lässt sich in vielen Fällen in eine Abfindung umwandeln.

Dabei gilt: Die Abfindung ist kein „Geschenk“ des Arbeitgebers, sondern Ausdruck des bestehenden Kündigungsschutzes. Sie stellt gewissermaßen den Preis dar, den der Arbeitgeber für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses zahlen muss.

Wer diesen Wert nicht erkennt oder nicht nutzt, verzichtet auf unter Umständen erhebliche finanzielle Ansprüche.

Zwischen Konflikt und Abschluss: Die richtige Balance

Natürlich ist nicht jede Situation gleich. Für manche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steht ein möglichst schneller und konfliktfreier Ausstieg im Vordergrund. Für andere ist es entscheidend, die eigene Position konsequent durchzusetzen.

Wichtig ist, diese Entscheidung bewusst zu treffen. Wer sich für einen „friedlichen“ Abschluss entscheidet, sollte wissen, dass dies häufig mit finanziellen Einbußen verbunden ist. Wer hingegen den Weg der Auseinandersetzung wählt, muss bereit sein, Zeit und Energie in den Prozess zu investieren.

Fazit: Bewusst entscheiden – statt vorschnell handeln

Eine Kündigung stellt immer eine Ausnahmesituation dar. Umso wichtiger ist es, nicht vorschnell zu handeln, sondern seine eigenen Ziele zu definieren. Geht es um einen schnellen Abschluss – oder um maximale wirtschaftliche Ergebnisse? Steht der Wunsch nach Harmonie im Vordergrund – oder das Bedürfnis nach Gerechtigkeit?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Wer seine Rechte aber kennt und strategisch vorgeht, hat deutlich bessere Chancen, sowohl wirtschaftlich als auch persönlich gestärkt aus der Situation hervorzugehen.