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Gegen Kündigung klagen oder nicht? DAS sagt ein Psychologe! (mit Tim Viere)

07.09.2026
4min

Kündigung und Abfindung: Warum sich Gegenwehr auch emotional lohnen kann

Eine Kündigung bedeutet für viele Arbeitnehmer mehr als das Ende eines Arbeitsverhältnisses. Gerade nach vielen Jahren im Betrieb bleibt häufig das Gefühl zurück, ungerecht behandelt und für die geleistete Arbeit nicht ausreichend gewürdigt worden zu sein. Im Gespräch mit dem Psychologen Tim Viere sagt Fachanwalt Bredereck, warum Gegenwehr deshalb nicht nur finanziell wichtig sein kann – und warum jeder für sich entscheiden sollte, welche Art des Abschlusses die richtige ist.

Warum der Kampf gegen die Kündigung wichtig ist

Wer eine Kündigung als ungerecht empfindet, sollte allein schon deshalb prüfen, ob er sich dagegen juristisch-anwaltlich wehren will. Selbst wenn ein Verfahren nicht mit der erhofften Abfindung endet, kann die Auseinandersetzung eine klärende Wirkung haben: Der Arbeitnehmer hat seine Möglichkeiten genutzt und erhält am Ende eine verbindliche Antwort.

Tim Viere sieht darin auch einen psychologischen Aspekt: Die Entscheidung, sich zu wehren, kann dabei helfen, einen Abschluss zu finden und das Gefühl zu entwickeln, noch einmal alles für ein angemessenes Ende des Arbeitsverhältnisses getan zu haben. Zugleich kann ein geklärter Abschluss den Start in einen neuen beruflichen Abschnitt erleichtern.

Nicht jeder braucht denselben Abschluss

Wie dieser Abschluss aussehen sollte, hängt stark von der Persönlichkeit ab. Viere unterscheidet dabei unterschiedliche Bedürfnisse: Manche Menschen möchten ein Arbeitsverhältnis so beenden, dass ein späteres Zusammentreffen mit dem ehemaligen Arbeitgeber problemlos möglich bleibt. Andere brauchen einen harten Schnitt. Sie wollen eine aus ihrer Sicht ungerechte Behandlung nicht einfach hinnehmen – besonders dann, wenn sie dem Unternehmen viele Jahre ihres Berufslebens gewidmet haben.

Entscheidend ist deshalb, die eigene Haltung zu reflektieren. Wer das Bedürfnis hat, sich zu wehren, könnte es später bereuen, ohne Gegenwehr gegangen zu sein. Umgekehrt ist ein konfliktgeladener Rechtsstreit nicht für jeden der passende Weg.

Kündigungsschutz hat einen wirtschaftlichen Wert

Neben der psychologischen Seite gibt es einen handfesten arbeitsrechtlichen Aspekt. Vor allem bei einer Anwendbarkeit des Kündigungsschutzgesetzes hat der Kündigungsschutz einen wirtschaftlichen Wert. Das ist grundsätzlich der Fall, wenn das Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate besteht und der Arbeitgeber regelmäßig mehr als zehn Arbeitnehmer in Vollzeit beschäftigt.

Diesen Kündigungsschutz sollte man nicht vorschnell preisgeben. Vergleichbar mit einem Wertgegenstand stellt sich vielmehr die Frage, welchen Preis der Arbeitgeber für die Beendigung des geschützten Arbeitsverhältnisses zu zahlen bereit ist. Hier setzen Abfindungsverhandlungen an.

Besonders schwer wiegt eine Kündigung üblicherweise bei langer Betriebszugehörigkeit. Tim Viere nennt beispielhaft einen 63-Jährigen, der nach 40 Jahren im Unternehmen gekündigt wird. Eine solche berufliche Lebensleistung kann man kaum nachholen. Entsprechend groß kann das Bedürfnis nach Wertschätzung und einem angemessenen Abschluss sein.

Geld und persönliche Bedürfnisse gegeneinander abwägen

Bei der Entscheidung über die richtige Reaktion auf eine Kündigung spielen daher mehrere Faktoren zusammen:

  • der wirtschaftliche Wert des Kündigungsschutzes und eine mögliche Abfindung,
  • das Bedürfnis nach Anerkennung für die geleistete Arbeit,
  • der Wunsch nach einem friedlichen Abschluss oder nach konsequenter Gegenwehr.

Eine Kündigung wird häufig als Kränkung empfunden, weil der Arbeitgeber einseitig über einen wichtigen Lebensbereich des Arbeitnehmers entscheidet. Wie dieser darauf reagiert, bleibt jedoch individuell.

Bredereck und Viere kommen damit aus arbeitsrechtlicher und psychologischer Sicht zu einem ähnlichen Ergebnis: Arbeitnehmer sollten bewusst entscheiden, welcher Abschluss für sie persönlich der richtige ist. Der eine kämpft und einigt sich früh, der andere verzichtet auf eine Auseinandersetzung, ein Dritter verfolgt seine Rechte konsequent bis zum Ende.

Kurz zusammengefasst:

Eine Kündigung betrifft nicht nur Geld und Arbeitsrecht. Sie berührt auch Anerkennung, Fairness und persönliche Wertschätzung. Wer Kündigungsschutz genießt, verfügt zugleich über eine rechtliche Position mit wirtschaftlichem Wert.

Arbeitnehmer sollten deshalb sowohl ihre rechtlichen Möglichkeiten als auch ihre persönlichen Bedürfnisse betrachten. Entscheidend ist, eine bewusste Entscheidung zu treffen – damit später nicht das Gefühl bleibt, den eigenen Kündigungsschutz oder das Bedürfnis nach einem angemessenen Abschluss vorschnell aufgegeben zu haben.